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GRUNDGRÜN
Das dreifaltige Grün
Von einem offensichtlich künstlichen
Objekt, wie den drei grünen Zylindern, die derzeit die Arlen-Piazza am Yppenplatz in Ottakring säumen, erwartet der bürokratieverwöhnte, in
den umliegenden Cafès „chillende“ und „chattende“ Konsument eine
möglichst umfassende Sinnerklärung des an sich inhaltlosen Machwerkes.
Zu den natürlich wachsenden Winter-Linden daneben verlangt kein Mensch
einen Beipackzettel, obwohl sich ihr Nutzen nur jenen erschließt, die
ein bißchen was vom CO2-Kreislauf verstehen oder Lindenblütentee lieben.
Im Grunde ist dieses Schreiben paradox,
da das grüne Malwerk der drei Säulen ja gerade durch seine Sprach-,
Zeichen-, Nutz- und Hinweislosigkeit und durch seinen Mangel an amtlich
gestempelter Legitimation aufmerken lassen soll; durch sein - einfach
nur so - Dasein. Etwas, das man von einer künstlichen Erektion noch
weniger wortlos hinnehmen will, als von natürlich Gewachsenem.
Und hier, liebe „chill&chat“ -
Freunde, sind sie auch schon: Die vielen Wörter.
Die drei grünen Säulen, einschließlich
dieses Beipackdenkzettels, sind ein Kunstwerk, ein Werk der Bildenden
Kunst. Wer hätte das gedacht? Ein Kunstwerk ist nach einer neueren und
derzeit gängigen Definition das Werk eines Menschen, der vorgibt, ein
Künstler zu sein, und dessen Qualität oder Bedeutung von den
Betrachtern entweder geschätzt oder ignoriert oder verrissen wird.
Von Mitte September 2009 bis
voraussichtlich Ende Februar 2010 steht da nun das „Temporäre
Dreieinige Denkmal Des Kontemporären Denkens“. Die nach meinem
Entwurf, einheitlich satt grün gestrichenen, zeichen- und inhaltlosen
Litfaßsäulen, zeigen mein Bedürfnis nach dem Luxus zweckloser Kunst,
mitten im Kommerz körperlicher Ernährung. Ich will mein Grün als reine
Malerei, ohne religiösen oder politischen Inhalt verstanden wissen.
Allerdings wäre ich nicht beleidigt, sondern eher belustigt, wenn
Muslime aus ihren Schlapfen schlüpfen würden, weil sie die Kunstpiazza
irrtümlich für eine Open-Air-Moschee mit drei Minaretten in Mohammeds
Lieblingsfarbe hielten, oder wenn Sympathisanten einer ökologiebewußten
Partei, die drei grünen Erektionen als mächtiges Symbol für ihren
zunehmenden gesellschaftlichen Einfluß sähen. Meinetwegen könnte das
zeichenlose Grün auch Pink, oder sonst irgendeine Farbe sein. Es ist
aber nun einmal grün. - Ist es das auch wirklich? - Wir werden
sehen, was das Ganze eventuell mit Denken zu tun haben könnte und was
dazu noch an Wörtern aus meinem Kopf heranwächst. (Die Wurzel des
Wortes „grün“ liegt in dem alten germanischen Wort „ghro“, was soviel
wie „wachsen“ und „gedeihen“ bedeutet.)
Und jetzt wird's weismacherisch,
ausgeklügelt, kleinlich, scharfsinnig, spitzfindig, übergenau,
wortklauberisch, überspannt
(sophistisch).
Ich will, daß Sie unterscheiden
zwischen der Farbe Grün, die Sie sehen und der Farbe Grün, mit der die
Litfaßsäulen angestrichen sind. Die erste Farbe Grün ist die
resultierende Wirkung einer Strahlung, die zweite Farbe Grün ist ein
Anstreichmaterial. - Schon jetzt durcheinander (konfus)? - Man
unterscheidet zwischen Spektralfarben oder Farben (engl. color)
und Körperfarben oder Farbmittel (engl. paint), weil sie sich
unterschiedlich mischen. Die Litfaßsäulen sind mit einem grünen
Farbmittel
(Dispersionsfarbe = Farbpigment mit Kunststoffbinder) gestrichen.
Nach den vielen alten und neuen Dreifarbentheorien ist der grüne
Farbstoff
(Pigment) ein Sekundärfarbstoff, gemischt aus dem primären
Gelbfarbstoff und dem primären Cyanfarbstoff. Diese Farbmittelmischung
wird subtraktive oder auch genauer absorptive (absorbieren = von
lateinisch absorptio bzw. absorbere „saugen“, „absaugen“, „aufsaugen“)
Farbmittelmischung genannt, weil der Gelbfarbstoff oder der
Cyanfarbstoff für sich mehr Strahlung zurückwirft als die Mischung. Die
Grünmischung absorbiert oder subtrahiert einen größeren Anteil der
einfallenden Sehbereichstrahlung als der Gelb- oder Cyanfarbstoff für
sich alleine. Farbstoffe „entnehmen“ (absorbieren, subtrahieren)
von der darauffallenden Strahlung einen bestimmten Bereich in einer
bestimmten Intensität. Eine perfekte Mischung aus den drei
Grundfarbstoffen
(Primärfarbstoffen) Gelb, Cyan und Magenta oder auch eine Mischung
aus vielerlei Buntfarbstoffen „saugt“ fast die gesamte einfallende
Strahlung auf und erscheint uns deshalb ganz unbunt und dunkel und
schwarz.
Farbstoffe „saugen“ aber nicht nur
Strahlung (Photonen bzw. elektromagnetische Wellen) auf,
sondern werfen auch bestimmte Teile davon zurück. Zum Glück, denn sonst
könnten wir nur selbstleuchtende Gegenstände sehen. Farbmittel und
naturfarbene Gegenstände absorbieren und remittieren also, wenn
Sehbereichstrahlung auf sie trifft (remittieren: als Remission, von
lateinisch remittere = zurückschicken, bezeichnet man in der Physik die
ungerichtete [diffuse] Streuung von Strahlung im Gegensatz zur
regulären, gerichteten Reflexion, die den Gesetzen der Optik
entspricht, Einfallswinkel = Ausfallswinkel). Die vom Farbmittel
remittierte Strahlung wird Spektralfarbe oder einfach nur Farbe
genannt, und in dieser Qualität ist das Grün, das Sie sehen, eine
Grundfarbe (Primärfarbe), die aus keinen anderen Farben
gemischt werden kann. Verrückt, nicht? Werden nach den
Dreifarbentheorien die drei Spektralgrundfarben Rot, Grün und Blau
gleichermaßen miteinander gemischt, so erscheint uns das Gemisch bei
genügend Intensität unbunt, hell und weiß. Da mit jeder zugemischten
Farbe Strahlung hinzukommt, vermehrt und verstärkt wird, nennt man die
Spektralfarbmischung additive Farbmischung. Die drei Säulen sehen grün
aus, weil der davon remittierten Strahlung der Rot- und Blauanteil der
darauffallenden Sehbereichsstrahlung
(das von uns zum Sehen verwendete Spektrum der Strahlung) fehlen.
Die fehlende (absorbierte) Strahlung wird in dem Anstrich in
Wärme umgewandelt und die Winter-Linden verwenden sie sinnvoll für ihre
Photosynthese. Für die Linden ist der Grünanteil der
Sehbereichsstrahlung offenbar zwecklos, weshalb sie ihn einfach
remittieren, was für uns günstig ist, da wir dadurch ihre Blätter so
herrlich grün sehen.
In der Subtraktiven Farbmischung (absorbtiven
Farbmittelmischung) entsteht Grün aus einer Mischung aus den beiden
Grundfarben (Primärfarbstoffen) Gelb und Cyan und ist eine
Sekundärfarbe
(Sekundärfarbstoff). In der Additiven Farbmischung (Spektralfarbmischung)
ist der Farbwert (Farbvalenz, lateinisch: valere = gelten) Grün
eine der drei Grundfarben Rot, Grün, Blau und eine Primärfarbe.
Was die Sehbereichstrahlung (Optische
Strahlung), die umgangssprachlich und auch im Fachjargon der
Physiker ungenau einfach Licht genannt wird, eigentlich ist, kann bis
jetzt kein Mensch eindeutig sagen. Ihr Wesen liegt jedenfalls unterhalb
der chemischen Stoffgrenze, sie ist also subatomar. Physiker, die sich
für die Betrachtung subatomarer Wesen (Entitäten) am
zuständigsten fühlen, sehen die Strahlung je nach ihrem Wunsch einmal
als Kontinuum (elektromagnetische Wellen, elektromagnetische Felder)
und ein andermal als Diskretum
(elementare Teilchen, Quanten, Photonen). Obwohl niemand weiß, was
die Strahlung ist, wissen viele, was sie macht. Jede/r, die/der hier in
der „chill&chat“- Zone am Yppenplatz einmal in der Sonne statt im
Schatten sitzt, spürt auf der nackten Haut deutlich ihre Wirkung. Sie
kann chemische Substanzen ändern (photochemischer Effekt). Ihre
Strömungsgeschwindigkeit ist verhältnismäßig einfach zu messen; sie ist
unheimlich schnell unterwegs, ungefähr dreihunderttausend Kilometer in
der Sekunde - Sekunde, nicht Stunde - durch die Luft, und wo sie
auftrifft, überträgt sie Milliarden winzigster Wuchten (Impulse).
Aber worauf es mir hier besonders ankommt, ist die Feststellung, daß
diese Strahlung selbst in Wahrheit weder hell noch dunkel ist und auch
kein bißchen bunt. Kurz zusammengefaßt heißt das, daß das grüne
Anstrichmittel, mit dem die Litfaßsäulen beschichtet sind, tatsächlich
keine grüne Spektralfarbe remittiert, sondern eine absolut farblose
Strahlung mit bestimmtem Impuls und bestimmter Impulsdichte.
Physiker rechnen gerne zwischen Impulsen und Energie und Frequenzen und
Wellenlängen hin und her und drücken die Impulswerte der
Sehbereichstrahlung am liebsten in Wellenlängen aus. Demnach hat die
von den Säulen remittierte Strahlung eine Wellenlänge um die 490-540nm (Nanometer
= Milliardstel Meter). Ob das wirklich stimmt, weiß ich nicht, denn
ich hab's nicht nachgemessen. Aber manches sollte man ja doch den
messenden Wissenschaftlern glauben können.
Das war im groben Umriß der äußere
physikalische (zur Physik bzw. Optik gehörende) Teil des sehr
komplexen Sehvorganges.
Nicht nur unsere Haut reagiert auf den
Einfluß der Sehbereichstrahlung: Diese erstreckt sich von etwa 380
bis 770 nm Wellenlänge, was einer Frequenz von etwa 789 bis 385
Terahertz, (ein THz = eine Billion Schwingungen pro Sekunde)
entspricht. Die feinsten Sensoren dafür befinden sich in unseren Augen,
in der durchsichtigen, nicht einmal einen halben Millimeter dünnen
Netzhaut (Retina, lateinisch rete, Netz, pars optica retinae),
die den größten Teil der Innenfläche unserer Augäpfel bedeckt,
eingebettet. An dem inneren physiologischen (z.B. biochemischen und
bioelektrischen informationsverarbeitenden Funktionen unseres Sehsinnes
betreffenden) Teil des Sehvorganges wird noch immer mächtig
geforscht. Die unterschiedlichen Nervenzellen (Neurone, von
griechisch neuron = Nerv) in der Netzhaut sind salopp gesagt ein
aus dem Knochenschädel herauslugender, neugieriger Teil unseres
Gehirns. Die spezialisierten, für die physikalische Strahlung
hochempfindlichen Sinnesnervenzellen (Fotorezeptorzellen)
reagieren hier auf die feinen und schwachen Impulse der Strahlung im
Bereich von ungefähr 380 bis 770 Nanometern, die von den Objekten der
Umgebung remittiert wird, und wandeln sie in physiologische
Nervenimpulse um. Die Fotorezeptorzellen bilden dabei das erste oder
Frontglied unseres Sehsinnes und sind besonders bedeutend, weil sie den
eigentlich strahlungs- bzw. impulshochempfindlichen Zelltyp darstellen.
Im Mikroskop lassen sich der äußeren Form nach zwei verschiedene
Fotorezeptor-Zelltypen unterscheiden: Die Stäbchenzellen und die
Zapfenzellen. Die Außensegmente der Stäbchen sind lang und schmal. Die
Außensegmente der Zapfen sind ebenso wie die gesamte
Zapfen-Fotorezeptorzelle breiter als die Stäbchen und verlaufen konisch
zu. Sehr, sehr vereinfacht gesagt, sind die besonders fein
empfindlichen Stäbchen auf das Sehen bei schwacher Beleuchtung
spezialisiert (skotopisches Sehen), die weniger empfindlichen
Zapfen für das Farbsehen (photopisches Sehen) verantwortlich.
Die menschliche Netzhaut enthält etwa 120-130 Millionen Stäbchen, in
die die etwa 6 Millionen Zapfen wie Blumen auf einer Wiese eingestreut
sind. Im Aufbau sind Stäbchen und Zapfen ähnlich organisiert. Sie
verfügen über einen rötlicher Farbstoff, den Sehpurpur (Rhodopsin).
Dieser ist aus einem Eiweißkörper (dem Glykoprotein Opsin) und
dem Farbstoffmolekül 11-cis-Retinal aufgebaut, welches im Körper aus
Vitamin A gebildet wird. Das Außensegment der Zelle ist der
lichtsensitive biochemische bzw. photochemische Reaktionsraum (Kompartiment)
der Photorezeptoren. Hier befinden sich die Diskmembranen,
Membranabschnürungen
(Vesikel) bzw. Membraneinfaltungen, dicht bepackt mit Sehpurpur
(Zellmembran = teilweise undurchlässiges bzw. durchlässiges feines
Häutchen). Die mit dem Farbstoff zusammengesetzten Eiweißmoleküle
(Proteide) Rhodopsin sind in hoher Konzentration (etwa 30 000
Moleküle pro Quadratmikrometer [Mikrometer = ein Tausendstel
Millimeter] ) in die Disks der Stäbchen und die Membraneinfaltungen
der Zapfen eingelagert und initiieren hier die sogenannte visuelle
Signaltransduktion. Die visuelle Signaltransduktionskaskade bezeichnet
die Umwandlung der Impulse eines äußeren physikalischen Strahlenganges
in ein inneres physiologisches Signal im Organismus. Schon ein einziges
physikalisches Strahlteilchen (Photon) kann eine Stäbchenzelle
aktivieren. Allerdings müssen mehrere Stäbchen aktiviert werden, damit
die angedockten weiterführenden Nervenzellen (Neurone) der
Netzhaut reagieren. Der Einfall von optischer Strahlung führt zu einer
Isomerisierung des Retinals (11-cis-Retinal zu all-trans-Retinal).
Hierfür wird nur ein Photon ausreichender Energie benötigt. Dadurch
kommt es zu einer Konformationsänderung im Opsin, was über die
Aktivierung des G-Proteins Transducin augenblicklich, innerhalb einer
Tausendstelsekunde, zur Auslösung der visuellen Signaltransduktion
führt. Die enzymatische Rückverwandlung (Retinal-Isomerase) in
das ursprüngliche 11-cis-Retinal und Rhodopsin erfolgt langsam in
mehreren Schritten und kann bis zu einer halben Stunde dauern. Viele
Strahlungsimpulse lösen Enzymkaskaden aus, die visuellen
Signaltransduktionskaskaden, die schließlich zu den
Aktivitätsänderungen der Photorezeptorzellen führen. Die photochemische
Transduktion, also die Umwandlung von Impulsen der optischen Strahlung
in neuronale elektrische Spannung, funktioniert in Zapfen und Stäbchen
gleich. Der durch die Strahlungabsorption ausgelöste intrazelluläre
Prozess führt zu einer elektrischen Spannungserhöhung (Hyperpolarisation)
in den Fotorezeptoren. Sie generieren aber nicht selbst
Aktionspotenziale, sondern die Erregungsweiterleitung in Stäbchen und
Zapfen funktioniert auf andere Weise als bei den meisten Nervenzellen
üblich: Sie kodieren die physikalische Strahlimpulsinformation nicht
über die Frequenz von Aktionspotentialen, sondern über die Stärke ihrer
intrazellulären elektrischen Spannungsänderung. Trifft optische
Strahlung auf die Fotorezeptorzelle, werden Ionenkanäle in der
Zellmembran geschlossen, ausgelöst durch die
Signaltransduktionskaskade. Die Fotorezeptorzelle wird hyperpolarisiert
und schüttet ihre chemischen Botenstoffe (Neurotransmitter)
nicht weiter aus. Die meisten anderen Neurone sind in ihrer Ruhelage,
wenn kein Reiz eintrifft, mit etwa -65 Millivolt (ein Millivolt,
abgekürzt mV, entspricht dem Tausendstel eines Volt) elektrisch
negativ geladen. Wirkt auf sie ein Reiz ein, schnellt die Ladung für
kurze Zeit auf etwa +10 bis +30 mV in eine elektrisch positive Ladung
um, und ein Aktionspotential wird durch diese Depolarisation ausgelöst.
Stäbchen und Zapfen sind in ihrer Ruhelage, wenn keine optische
Strahlung eintrifft, jedoch mit etwa -40 mV weniger stark negativ
geladen - also leicht depolarisiert. Sobald Strahlung auf sie einwirkt,
werden sie noch negativer geladen, bis max. etwa -65 mV - also
hyperpolarisiert - anstatt wie die anderen Neurone elektrisch positiver
zu werden. Grob gesagt schüttet jedes andere „normale“ Neuron umso mehr
Botenstoffe
(Neurotransmitter) in die Synapse aus, je positiver es geladen ist.
Während normale Neurone also bei einem Reiz, der Depolarisation
bewirkt, auf einmal sehr viel mehr Botenstoffe ausschütten, läuft diese
Reaktion bei Fotorezeptoren genau umgekehrt ab: Trifft Strahlung ein,
werden sie noch negativer (hyperpolarisiert) und schütten
weniger Botenstoffe aus als in Ruhelage. Nachgeschalteten Zellen wird
der Strahlungsreiz also nicht durch mehr, sondern durch weniger
ausgeschüttete Botenstoffe signalisiert. Sie schütten bei Dunkelheit
fortwährend mehr Neurotransmitter, in dem Fall Glutamat (ja,
richtig, den Geschmacksverstärker mit der Geschmacksnote Umami,
japanisch = köstlich oder schmackhaft) in die Synapsen, als bei
Helligkeit - je weniger Botenstoffe, desto stärker waren die
Strahlungsimpulse. Merkwürdig, nicht?
Sorgfältig sortieren die
Photorezeptorzellen die einfallende Strahlung nach Impuls und
Strahldichte (Intensität). Jede Rezeptorart ist auf eine
spezielle Reizbandstärke ausgelegt - einen adäquaten Reiz. Durch die
Stäbchen können keine „Farben“ unterschieden werden, da im Gegensatz zu
den Zapfen alle Stäbchen dasselbe Empfindlichkeitsspektrum haben.
Stäbchen sind am empfindlichsten
(Absorbtionsmaximum) für Strahlung mit einer Wellenlänge von etwa
500 nm, das ist „blaugrün“, und reagieren, wie schon gesagt auf
geringste Intensität. Die absolute Helligkeitsschwelle, bei der ein
Signal weitergeleitet wird, liegt bei sechs Strahlungsquanten
(Photonen). Das Auge hat also eine extrem hohe Sensitivität.
Menschen sind Trichromaten, d.h. sie besitzen drei Zapfenarten mit
unterschiedlichen Strahlung-Absorptionsmaxima. Jodopsin ist die
Sammelbezeichnung für die drei leicht abgewandelten (geringe
Differenzen in ihren Aminosäuresequenzen) Farbsehmoleküle der
Zapfen, „Rot“, „Grün“ und „Blau“. Es handelt sich um Proteine (so
genannte Opsine) verknüpft mit dem farbgebenden Stoff (Chromophor)
11-cis-Retinal. Die jeweiligen Absorptionsmaxima liegen ungefähr bei
563 nm für das „rot“-sensitive Molekül, 534 nm für das „grün“-sensitive
Molekül und 420 nm für das „blau“-sensitive Molekül. Jodopsine
enthalten etwa 350-360 Aminosäuren und sind Membranproteine. Die Zapfen
benötigen eine wesentlich größere Photonenanzahl, mindestens etwa 200,
als die Stäbchen, um ein verlässliches Signal an die in der Netzhaut
nachgeschalteten Zellen weiterzuleiten. Außerdem liefern meist viele
Stäbchen ihr Signal über mehrere Synapsen an die nachgeschalteten
Zellen, während oft nur ein Zapfen mit den folgenden Zellen verknüpft
ist. Darauf beruht das unterschiedliche Tag- und Nachtsehen: "Nachts
sind alle Katzen grau". Überwiegende Aktivierung bestimmter Zapfentypen
ergibt entsprechende Farbtöne. Fehlt einer der drei Zapfentypen
bedeutet das für den betroffenen Menschen Farbenfehlsichtigkeit (Dys-Chromasie).
Andere Wirbeltiere
(Vertebraten) haben teils nur zwei, teils ebenfalls drei, manchmal
auch vier Zapfentypen und sehen dementsprechend auch andere Farben. Daß
unsere Fotorezeptorzellen auch auf einen gewissen Druck mit dem Finger
auf das geschlossene Auge reagieren und der Reiz als Folge von
Aktionspotenzialen variabler Frequenz in der Sehrinde (zum Sehsinn
gehörender Teil der Großhirnrinde, Visueller Cortex) ankommt und da
das psychologische Phänomen Licht oder Farbe auslöst, ist ein Indiz
dafür, daß der innere physiologische Prozess des Sehvorganges auch ohne
den äußeren physikalischen strahlungsunabhängig funktioniert. Nur sieht
man dann halt für gewöhnlich etwas anderes als das, was außerhalb des
Kopfes vor sich geht. Kommt eine Folge von Aktionspotenzialen im
visuellen Cortex an, wird sie als Seheindruck interpretiert, unabhängig
davon, wodurch sie ausgelöst wurde.
Kurz zusammengefaßt, wird die Absorbtion
von Photonen in den Fotorezeptoren zuerst in ein biochemisches Signal
übersetzt und dann in ein bioelektrisches Signal, das wiederum über
chemische Synapsen nachgeschaltete Neurone der Retina stimuliert;
aber von Licht oder Farbe ist bis jetzt nichts zu sehen. Weder die
physikalische Strahlung noch die biochemischen und bioelektrischen
Signale sind bunt.
Intraretinale Informationsverarbeitung:
Eine für uns typische Nervenzelle hat
von ihrem Zellkörper ausgestreckt zwei verschiedene, vis a vis liegende
Fortsätze (bipolare Zelle), auf der einen Seite einen meist
kurzstämmigen, aber stark verzweigten, zur Aufnahme chemisch
übertragener Nervenimpulse, Dendrit genannt (der Dendrit,
griechisch dendrites: zum Baum gehörend) und auf der
gegenüberliegenden Seite einen meist viel längeren, faserartigen
Fortsatz, der elektrische Nervenimpulse vom Zellkörper wegleitet: Das
Axon (griechisch = Achse). Das Axon kann sehr lang sein und
ermöglicht somit eine Erregungsleitung über weite Strecken. Hierfür
läuft ein elektrisches Signal durch das Axon, welches erzeugt wird,
indem bestimmte Ionen (elektrisch geladene Atome bzw. Moleküle)
gezielt durch die Zellmembran durchgeschleust werden. Das Axonende
steht über Synapsen, an denen das Signal chemisch weitergegeben wird,
mit anderen Nervenzellen oder Empfängerzellen in Verbindung.
Interneuronale Synapsen, (griechisch syn = zusammen, haptein = ergreifen, fassen, tasten) sind Kontaktstellen zwischen Nervenzellen untereinander. An ihnen findet die Erregungsübertragung von einem Axon auf eine andere Zelle statt. An chemischen Synapsen wird ein elektrisches Signal zunächst in ein chemisches Signal umgewandelt: Eine in der signalgebenden Nervenzelle erzeugte elektrische Entladung, das Aktionspotential, führt dazu, daß an der präsynaptischen Membran Botenstoffe (Neurotransmitter) ausgeschüttet werden. Diese chemischen Botenstoffe binden sich an Membranrezeptoren einer signalempfangenden Nervenzelle (postsynaptische Membran) und führen auch dort zu Spannungsänderung. Das Besondere an der chemischen Synapse ist, daß es keine direkte Verbindung zwischen prä- und postsynaptischer Zelle gibt. Das System besteht also aus zwei getrennten Komponenten, die Präsynapse und die Postsynapse. Sie werden durch den synaptischen Spalt getrennt. Diese kleine Distanz von 20 bis 30 Tausendstel Millimetern muss nun überwunden werden. Das geschieht mit Hilfe von chemischen Überträgerstoffen, die in den synaptischen Bläschen (Vesikeln) gebildet werden. Präsynaptisch werden die Teile einer Synapse genannt, die vor dem synaptischen Spalt liegen (Signal liefernde Zelle), postsynaptisch hingegen der Teil der Synapse, der nach dem synaptischen Spalt liegt (Signal empfangende Zelle).
Vorgangsweise:
1 Depolarisation der präsynaptischen Membran (Aktionspotential)
2 Öffnen der Kalzium-Kanäle, Einstrom von Kalzium in die Zelle
3 Verschmelzen der Transmitter enthaltenden Vesikel mit präsynaptischer Membran
4 Freisetzung des Transmitters in den synaptischen Spalt (Exozytose)
5 Anlagerung von Transmittern an den Rezeptoren der postsynaptische Membran (Schlüssel-Schloss-Prinzip)
6 Öffnen der Natrium-Kanäle der postsynaptischen Membran (Depolarisation)
7 Enzymatische Aufspaltung der Transmittermoleküle
8 Wiederaufnahme der Spaltprodukte durch
die präsynaptische Membran
(Achtung! Nicht vergessen, die
Photorezeptorzellen bilden eine Ausnahme; sie bilden kein
Aktionspotential)
Die Synapsen der Fotorezeptoren sind
spezialisierte, sogenannte "Ribbon-Synapsen", in Bezug auf eine band-
oder plattenartige Struktur direkt an der aktiven Zone der Präsynapse.
An die Ribbon-Struktur sind viele synaptische Vesikel
(Transmitter enthaltende Membranbläschen) gekoppelt und es können
im Vergleich zu „normalen“ Synapsen eine weit höhere Anzahl von
Botenstoffen pro Zeiteinheit ausgeschüttet werden. Zapfen besitzen
wesentlich mehr Ribbons als Stäbchen.
Über die z.B. für das Kontrastsehen
(Helligkeitsausgleich, Kontrastverstärkung) bei unterschiedlicher
Beleuchtung sehr wichtigen, über die Ribbon-Synapsen den Rezeptorzellen
nachgeschalteten Horizontalzellen, die die Photorezeptorzellen quer
(lateral) miteinander verknüpfen und deren Signale sortieren und
manipulieren, aber selbst nicht zum Gehirn leiten (nicht afferent
sind), will ich mich jetzt hier nicht mehr genauer auslassen.
Langsam reicht mir das Geschreibsel, das der typische Yppenplatz
-"chill&chatter" sowieso nicht liest, auch schon selber.
Die afferenten (in Richtung Gehirn
ableitenden) bipolaren Zellen der Retina (bipolar = mit zwei
Fortsätzen, Dendrit und Axon) docken ebenfalls mit ihren Dendriten
an meist mehrere Stäbchen, manchmal weniger Zapfen, der Ribbon-Synapsen
der Photorezeptorzellen an und leiten die Nervensignale der Stäbchen
und Zapfen senkrecht zur Netzhautebene (vertikal) durch ihre
Axone an die präzisen retinalen Ganglienzellen weiter. Wir haben neun
verschiedene Zapfen-gesteuerte Bipolarzellentypen und einen Typ von
Stäbchen-gesteuerten bipolaren Zellen. Ähnlich wie die Fotorezeptoren
(Stäbchen und Zapfen), von welchen die bipolaren Zellen Signale
erhalten, weisen sie eine Besonderheit in der Erregungsweiterleitung im
Gegensatz zur großen Mehrzahl der anderen Neuronen auf: Sie kodieren
ihre Information nicht über die Frequenz von Aktionspotentialen,
sondern durch eine graduierte elektrische Potentialänderung und der
damit verbundenen Veränderung der Anzahl ausgeschütteter Botenstoffe (Neurotransmitter).
Der in die üppigen Ribbon-Synapsen der vorgeschalteten Rezeptorzellen
ausgeschüttete Neurotransmitter Glutamat kann auf die einen
Bipolarzellen erregend, stimulierend (exzitatorisch) oder auf
die anderen gegenteilig, erregungshemmend (inhibitorisch)
wirken, weshalb sie auch als Schaltzellen (On- oder Off-Zellen)
bezeichnet werden.
Die Strahlungsimpulse werden von den
Sinneszellen der Retina, den Stäbchen und Zapfen, registriert. Sie
bilden ein Membranpotential, das über bipolare Zellen an Ganglienzellen
weitergeleitet wird, wo erstmals die für „normale“ Nervenzellen
üblichen frequenzkodierten Aktionspotentiale ausgelöst werden. Die
langen Fortsätze der retinalen Ganglienzellen bilden den Ausgang der
Netzhaut, den Sehnerv (Nervus opticus), der die
Aktionspotentiale ins Gehirn weiterleitet.
Das ist aber längst nicht alles, was in
der Netzhaut passiert. In der Retina geschieht wesentlich mehr, als die
Signale von Sinneszellen einfach weiterzugeben. Es gibt unter etlichen
anderen Zellen (verschiedene Gliazellen) noch die für das Sehen
besonders wichtigen vielfältigen Amakrinzellen. Diese winzigen
gehirnlosen Tierchen vollbringen bereits in der dünnen Netzhaut durch
ihre seitlichen
(lateralen) Verschaltungen eine gewaltige gemeinsame Denkleistung.
Die bipolaren Zellen leiten nicht einfach strikt ein Signal der
Fotorezeptoren direkt an die Ganglienzellen weiter: Die Amakrinzellen
schalten sich auf der Ebene der Synapsen (in der inneren
Plexiformschicht der Netzhaut) zwischen Bipolarzellen und
Ganglienzellen dazwischen und beeinflussen die Aktivitätsweiterleitung
ganz wesentlich.
Die amakrinen Zellen sind auch eine
besondere Art von Nervenzellen: Ohne Axon, aber dafür mit um so mehr
und umso längeren Dendriten. Die dendritischen Fortsätze dieser Neurone
sind sowohl ableitend (postsynaptisch), als auch zuleitend (präsynaptisch).
Amakrinzellen können als, nur zwischen den anderen Nervenzellen
verschaltende Zellen (retinale Interneurone) betrachtet werden.
In unserer Netzhaut arbeiten vermutlich mindestens siebzehn
verschiedene morphologische Typen von Amakrinzellen. Es gibt
wahrscheinlich keinen Neurotransmitter im Zentralnervensystem, der
nicht auch in dem einen oder anderen Typ von Amakrinzellen vorkommt.
Sie verfügen ebenso über erregend wirkende
(exzitatorische), als auch hemmend wirkende (inhibitorische)
Botenstoffe. Die vielen Fortsätze der Amakrinzellen erstrecken sich in
die innere plexiforme Schicht (eine fast zellkörperlose, von dicht
vernetzten Nervenfortsätzen geprägte Schicht, auch innere
Synapsenschicht genannt, der ohnehin schon dünnen Netzhaut, die sich
noch in zehn Verschaltungsebenen einteilen läßt) und bilden ein so
dichtes Geflecht, daß jeder Quadratmillimeter der plexiformen Schicht
von bis zu 3 m dendritischer Fortsätze eines Amakrinzelltyps
durchdrungen werden kann. Sie verbinden sich da synaptisch mit den
Axonen der Bipolarzellen, den Dendriten der Ganglienzellen, und
Ihresgleichen. Ihre teils rhythmischen Depolarisationen nehmen nicht
die Form von Aktionspotentialen an, wie sie in den retinalen
Ganglienzellen erzeugt werden. Ihre Denkleistung liegt in der
Verrechnung bzw. Koordinierung des Bipolarzell-Outputs, den sie
modulieren. Was bei den Ganglienzellen am Ende als Signalmuster
(Repräsentationen) der elektrischen Aktivität herauskommt, ergibt
sich aus der Verrechnung von erregenden Signalen der Bipolarzellen und
hemmenden Signalen der Amakrinzellen.
Die den Bipolarzellen und Amakrinzellen
nachgeschalteten „normalen“ Nervenzellen, die zwölf verschiedenen
Ganglienzelltypen, auch präzise retinale Ganglienzellen genannt,
erhalten durch die Arbeit der Amakrinzellen regelrechte abstrahierte
„Filmspuren“ von der Sehszene. Jedem der zwölf Ganglienzelltypen wird
eine eigene Spur zugewiesen, sodaß schließlich ein Dutzend „Filmspuren“
durch den Sehnerv die Netzhaut verlassen. Jede Spur enthält einen
anderen Aspekt dessen, was sich vor den Augen abspielt, einen anderen
vereinfachten „Film“ aus elektrisch kodierten Abstraktionen. So
überträgt eine „Film“-Spur zum Beispiel Umrisse von Objekten, etwa wie
bei einer Strichzeichnung. Eine andere informiert über Bewegung in der
visuellen Szene. Wieder andere erfassen dunkle bzw. helle Bereiche. Zu
jeder Datenspur gehört im Sehnerv eine eigene Typgruppe von Fasern. In
den „Netzhautfilmen“ findet sich alles wieder, was wir vor uns sehen,
und sie laufen fort, solange wir hinschauen. Auch von einem unbewegten,
schwarzen Punkt irgendwo in einem farblosen Raum, erzeugt die Netzhaut
einen fortlaufenden „Film“, denn sie nimmt ihn kontinuierlich auf.
Das durch den optischen Apparat Auge
projizierte Bild der Szene wird bereits in der Netzhaut analysiert und
zu Filmspuren verarbeitet („Helligkeitsausgleich“,
„Kontrastverstärkung“, „Farbe“, „Bewegung“, „etc.“). Was das Auge
dem Gehirn gleichzeitig auf zwölf „Filmspuren“ mitteilt, ist somit
Ergebnis dessen, was jeweils bei den zwölf Typen von Ganglienzellen
einläuft. Diese Inhalte resultieren wesentlich aus den Wechselwirkungen
zwischen Amakrin- und Bipolarzellen. Zum Gehirn gelangen zwölf
völlig verschiedene fortlaufende „Filme“ als elektro-physiologisches
Geschehen - kein Licht und keine Farbe!
Die langen Axone der Ganglienzellen
bilden die beiden Sehnerven (Nervi optici), die die
Aktionspotenziale in Richtung Sehrinde (visueller Cortex)
weiterreichen. Nach Eintritt in die Schädelhöhle kreuzen die Sehnerven
beider Augen in der Sehnervenkreuzung
(Chiasma opticum) an der Gehirnbasis. Ungekreuzt weiter verlaufen
die äußeren (temporalen) Fasern, während die inneren (nasalen)
zur Gegenseite kreuzen. Auf die Weise verlaufen die Fasern der linken
Netzhauthälfte beider Augen in Richtung linke Hirnhälfte und die der
rechten Netzhauthälften in Richtung rechte Hirnhälfte. Dadurch
sehen wir dreidimensionale Tiefe und haben eine optimale
Raumwahrnehmung. Das haben nicht alle, die Augen haben, z.B. ein
Huhn hat sie nicht. Von der Sehnervenkreuzung setzen sich die Sehbahnen
(Tracti optici) weiter fort zum seitlichen Kniehöcker (Corpus
geniculatum laterale) des Zwischenhirns (der Thalamus, von
griech. thálamos = Schlafgemach, Kammer, bildet den größten Teil des
Zwischenhirns [bei manchen Leuten ist nicht nur das Zwischenhirn eine
Schlafkammer] ). Hier findet die erste Verschaltung der Sehbahnen
außerhalb der Retina statt. Der seitliche Kniehöcker ist ein
Kerngebiet, in dem etwa 90 % der Axone des Sehnervs enden und wo sie
über Synapsen in den spezifischen Thalamuskernen jeweils auf
nachfolgende Nervenzellen umgeschaltet werden. Die Neurone des
seitlichen Kniehöckers erhalten nicht nur Input von der Netzhaut
(afferente Signale), sondern weit mehr von der Großhirnrinde
(efferente Signale) und dem Zwischenhirn, sowie anderen
Nervenzellen des seitlichen Kniehöckers. All diese Informationen werden
hier integriert und gelangen in der Sehstrahlung zur Sehrinde. Die
Umschaltung im Thalamus ermöglicht eine primitive
Informationsverarbeitung, indem das Zwischenhirn als Filter fungiert
und entscheidet, welche Informationen für den Organismus im Moment so
wichtig sind, daß sie an die Großhirnrinde weitergeleitet und bewußt
werden sollen. Das Zwischenhirn wird deshalb oft als „Tor zum
Bewußtsein“ bezeichnet. Gibt es hier schon Farbe und Licht? Ich bin
mir sicher, es gibt sie hier noch immer nicht.
Vom Zwischenhirn führen die Sehbahnen
über die breit gefächerte Sehstrahlung (Radiatio optica)
seitlich zum hintersten Teil des Großhirns (Cortex), den beiden
Hinterhauptslappen (Okzipitallappen), die die beiden primären
und sekundären Sehzentren (zusammen visueller Cortex)
enthalten. Die primären Sehzentren (auch primäre Sehrinde, primärer
visueller Kortex oder Area stria genannt) sind äußerst komplex aus
ca. 250.000.000 raffiniert verschalteten Nervenzellen gebaut, was bei
der geringen Dicke der Rinde von maximal 2mm eine sehr hohe Zelldichte
bedeutet. Die primäre Sehrinde besitzt einen für den
stammesgeschichtlich jüngsten Teil des Großhirns (Neocortex)
typischen sechsschichtigen Aufbau, den ich hier jetzt nicht mehr
beschreiben mag, weil mir die Tipperei schon auf die Sehnerven geht,
obwohl es gerade erst jetzt spannend wird.
Beide primären Sehrinden liegen anatomisch dicht beieinander und sind nur durch den Trennspalt zwischen den beiden Hirnhälften (Interhemisphärenspalt) getrennt. In jeder primären Sehrinde ist die gegenüberliegende (kontralaterale) Gesichtsfeldhälfte repräsentiert. Jeder in den Ganglienzellen zusammengefaßten Rezeptorgruppe der Netzhaut im Auge ist ein bestimmter Bereich in den primären Sehrinden zugeordnet. Die Sehrinden sind retinotop aufgebaut, was bedeutet, daß auf der Netzhaut nebeneinander abgebildete Punkte auch hier nebeneinander liegen (die retinotope Struktur bleibt senkrecht durch alle Schichten gleich). Während des ganzen Transportes der Signale vom Auge bis hierher bleiben die räumlichen Lagebeziehungen der Rezeptoren in den Lagebeziehungen der Nervenbahnen und Synapsen erhalten. Diese Lagebeziehung ist in den primären Sehrinden als neuronale Karte nachweisbar.
Die Signalverarbeitung erfolgt hier in
den für mich besonders interessanten übereinander gelagert
organisierten Zellverbänden, den sogenannten kortikalen Säulen (die
Säulen der Sehrinde werden auch Hypersäulen genannt). Das sind
senkrecht zur Oberfläche stehende, durch alle sechs Schichten ragende,
übereinanderliegende Nervenzellen, die besonders eng zusammenarbeiten
und seitlich dicht vernetzt sind. Jeder Ort der Netzhaut wird durch
eine etwa 1mm dicke zylindrische Hypersäule der Sehrinde (kortikal)
repräsentiert. Die Hypersäulen sind fast identisch organisierte
„Elemente“ kortikaler Verarbeitung. All ihre Zellen arbeiten am selben
Projekt; sie haben funktionale Eigenschaften gemeinsam, z.B. die Art
des Stimulus, der maximale Erregung hervorruft. Sie stellen damit
sozusagen die elementaren Verarbeitungseinheiten (Module) der
Sehrinde dar. Sie werden auch als phylogenetische Säulen gesehen (Phylogenese,
altgr. phýlon = Stamm und génesis = Ursprung, die stammesgeschichtliche
biologische Entwicklung betreffend), da sie in ihrer Form seit
Jahrhunderttausenden existieren. Bei allen Tieren, die eine Sehrinde
haben, findet man die sehr ähnliche Anordnung der Neuronen in den
Hypersäulen. Ebenso sind die Größe der Säulen und die Anzahl der
Neuronen in den einzelnen Säulen bei allen Arten weitgehend gleich: Von
der Maus über das Pferd bis zu Ihnen und mir. Die Hypersäulen erhalten
ihren nervösen Input
(afferente Signale) von der Netzhaut über die Fasern aus dem
Zwischenhirn
(Thalamus).
Für mich sind die Hypersäulen deshalb
so besonders interessant, weil nach meiner Hypothese genau hier die
Geburtsstätte der Farbvalenz Grün liegt, die Sie an den drei
Litfaßsäulen sehen. (Insofern haben die Hypersäulen und die Litfaßsäulen etwas Gemeinsames - schmunzel).
In den Hypersäulen der primären
Areale des Sensorischen Kortex erscheint meines Erachtens nach das
erste Mal auf dem komplizierten Weg von den Litfaßsäulen bis hierher
die völlig andere neue geistige Qualität Licht bzw. Farbe auf eine von
noch keinem Menschen verstandene Weise. Der Sehweg macht von den
Litfaßsäulen zu den Hypersäulen eine Metamorphose durch. Vom farblosen
physikalischen Stadium über das farblose physiologische Stadium bis zum
letztendlich farbigen psychologischen Stadium.
Ich meine, daß in den Hypersäulen der primären Sehrinde das erste Mal die genuin psychischen Phänomene Licht und Farbe erscheinen. Allerdings könnten wir damit genauso wenig anfangen wie ein Fotoapparat, da es sich dabei nur um eine interpretationsfreie Repräsentation handelt.
Die Komplexität der visuellen
Wahrnehmung wird in der sekundären Sehrinde, die afferente Signale aus
der primären Sehrinde erhält, noch gesteigert. Auch hier gibt es
kortikale Säulen, in denen nun die grüne Farbe durch Assoziation bewußt
erkannt wird. Von hier laufen afferente Signale in die tertiären Areale
(Assoziationsfelder) in denen dann schließlich die grüne Farbe
mit früheren Erlebnissen und Erlerntem und Gefühlen verknüpft wird, wie
z.B.: „Grün beruhigt mich.“ „Grün erscheint mir beunruhigend giftig.“
„Marsmenschen sind grün.“
Von den tertiären und sekundären Zentren
laufen auch efferente Bahnen in die primäre Sehrinde zurück, mit dem
Effekt, daß wir auch im Stockdunkeln mit geschlossenen Augen im
REM-Schlaf (REM = Rapid Eye Movement), wenn die efferenten
Zellen feuern, anstatt mit uns zu schlafen, die herrlichsten Licht- und
Farberscheinungen erleben können, z.B. traumhaft schöne bunte
Landschaften und Städte im Sonnenlicht.
Schließlich soll hier festgehalten
werden, daß die Vorstellung, Farbe sei etwas anderes als Licht, falsch
ist. Licht hat viele Farben. Jede Farbe ist Licht, auch eine dunkle.
Weiters ist die Vorstellung, daß Licht und Farben von messbarer und
objektivierbarer physikalischer Art wären, falsch. Ferner ist
die Vorstellung, daß Licht und Farben messbare und objektivierbare
physiologische Prozesse wären, falsch.
Licht und Farbe sind unmessbare,
subjektive, geistige Gebilde (mentale Konstrukte), geistige
Erscheinungen (psychische Phänomene), unbewußtes Denken, als
Resultat oder Wirkung ursächlicher, messbarer, physiologischer Prozesse
und eventueller, nicht unbedingt notwendiger, messbarer physikalischer
Strahlung. Tageshelligkeit ist keine physikalische Größe, sondern die
im visuellen Kortex zum phänomenalen Eindruck gewandelte
Impulsintensität an den Photorezeptoren.
Der Sehsinn berührt in den
Hypersäulen das ewige philosophische Problem mit Geist und Materie.
Die optische Strahlung wird im
allgemeinen Sprachgebrauch und in besonders peinlicher Weise von
Physikern falscherweise Licht genannt. Diese Feststellung soll aber
jetzt nicht heißen, daß ich hier biblisch-babylonische Sprachverwirrung
stiften möchte. Mir wäre es selber peinlich, wenn man einem Kind mit
kontemporärem Wissen den Tipp gibt, es solle doch den Zettel zum Lesen
ins Licht halten anstatt in den Schatten, und das folgsame Kind dann
den Zettel einrollt, um ihn durch Nase oder Ohren ins Hirn einzuführen,
weil es Licht ja nur im Hirn gibt (na ja, das ist ein blödes
Beispiel). Bei Physikern ist der ungenaue Sprachgebrauch besonders
ungünstig, weil sie dadurch, für Physiker besonders peinlich, Ursache
und Wirkung verwechseln. Zum Beispiel ist der von
Universitätsprofessoren für Physik verwendete und gelehrte folgende
Satz: "Das Licht ist der für Menschen sichtbare Bereich der
elektromagnetischen Strahlung", logisch vernunftfern (grenzdebil)
und entspricht in keiner Weise kontemporärem Wissen und Denken. Die
elektromagnetische Strahlung oder einfacher gesagt, die optische
Strahlung ist an sich unsichtbar. Sie ist selbst nicht Licht, sie ist
eine mögliche Ursache von Licht.
Sollten Sie versuchen, meine
künstlerische Sicht von Licht über Wikipedia der Allgemeinheit zur
Verfügung zu stellen, dann werden sie von den barbarischen Wächtern des
Lichtes des üblen Vandalismus bezichtigt und wenn Sie ihren Computer
nicht hinter einer externen Firewall verschanzt haben, bis in diesen
hinein verfolgt. Kontemporäres Denken ist nicht nur bei Wikipedia nicht
aktuell. Es macht auch Theologen samt ihrem Gott zu prähistorischen
Denkern. In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist das Licht das erste
Werk Gottes. Da lobe ich mir den Ausspruch von Kasperl Obergscheit in
einem Internetforum: "Und wenn es tausend Sonnen gab, bevor es Leben
gab, war die Welt finster."
Wie trostlos licht- und farblos die Welt
außerhalb unseres Kopfes wirklich aussieht, können wir uns nicht einmal
im kühnsten Traum vorstellen. Umso tröstlicher ist es selbst für den
dümmsten Yppenplatz-„chill&chatter“, daß wir über ein so
sensationell phantastisches Gehirn verfügen, das uns die Welt in bestem
Licht und den schönsten Farben vorspielt.
Ich bin natürlich nicht
der Erste und Einzige, dem das Licht im Hirn aufgegangen ist:
Alhazen oder Ibn al-Haytham, (965 - 1040)
Leonardo da Vinci (1452 - 1519)
René Descartes (1596 – 1650)
Sir Isaac Newton (1643 - 1727)
Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)
Michel Eugene Chevreul (1786-1889)
Gustav Theodor Fechner (1801 –1887)
Hermann Ludwig Ferdinand von Helmholtz (1821 – 1894)
Theodor Meynert (1833 –
1892)
Und später vielen anderen Vernunftbegabten -
besonders Malern.
Ingo Neu, Wien, September
2009
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